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Schon Anfang November 1918, also lange bevor Österreich seine Forderung nach Deutschwestungarn erhob, hatte sich im Lande selbst eine Bewegung gebildet, die eine echte Autonomie für die deutschen Gebiete innerhalb Ungarns forderte. Die maßgebenden Persönlichkeiten waren zwei deutschbewusste Neusiedler, der Rechtsanwalt Dr. Karl Amon und der Apotheker Mag. Adalbert Wolf. Zwischen Kriegsende und dem Beginn der Räteherrschaft wurde nun in Westungarn heftig und auf sehr hohem Niveau in den zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften um eine Lösung gerungen. Diese deutschsprachigen Zeitungen bestanden zum Teil schon lange, einige wurden erst jetzt gegründet. Diese Diskussionen widerlegen schlagartig Behauptungen, die noch immer in der Literatur herumgeistern. Westungarn war alles andere als politisch inaktiv, entmündigt, mit Menschen, die kaum des Lesens und Schreibens kundig waren. Die Argumente für und gegen Anschluss oder Autonomie, Staatstreue oder Volkstreue zeigen eindeutig eine lange Beschäftigung mit dem Thema. Sie zeigen immer wieder auch ein sehr ausgeprägtes regionales Selbstbewusstsein.

Am 10.November gründete Rudolf Brandsch den "Deutschen Volksrat für Ungarn", Auf der Rednerliste stand auch Adalbert Wolf als "Abgesandter der Stadt Neusiedl a. S." Im 40köpfigen lenkenden Ausschuss saßen als Vertreter Deutschwestungarns  Adalbert Wolf, Dr.Karl Amon und Karl Wollinger. Dem "volksrat" schlossen sich zahlreiche Organisationen an. Am 1. Dezember 1918 fanden die ersten Volksversammlungen im Wieselburger und Ödenburger KOmitat statt, die größte davon in Neusiedl. Brandsch trat als Redner auf. Bei dieser Versammlung wurde die Gründung der "Deutschen Volkspartei für das Komitat Moson" und deren Anschluss an den Deutschen Volksrat beschlossen. Am 11. Feber 1919 gab sich die Partei den Namen "Vierburgenländische Deutsche Autonome Volkspartei". Auf der Neusiedler Versammlung wurde eine "Entschließung" gefasst: Die vollständige Autonomie der Deutschen Westungarns, Einberufung einer Deutschen Nationalversammlung für Westu8ngarn und Aufhebung der Grenzsperre gegen Österreich. Diese "Entschließung" dürfte dem "Entwurf über die Einrichtung der Landas-Autonomie für Deutschwestungarn" gefolgt sein, den der Neusiedler Rechtsanwalt Dr. Karl Amon zu Beginn des Jahres 1919 in Form einer Druckschrift veröffentlichte. Die Datierung des Entwurfes ist unklar. Wichtig ist er vor allem auch deswegen, weil in dieser Schrift erstmals der Landesname "Vierburgenland" verwendet wurde. In dieser Druckschrift "Was wir wollen" heißt es auf der Titelseite: "Der Reinertrag dient der Gründung eines Deutschen Werbefonds  für unser Vierburgenland (Pressburg, Wieselburg, Oedenburg Eisenburg". Der Zusatz scheint von Wolf zu stammen. Amon selbst verwendet nur den Begriff Deutschwestungarn.

In der Schrift heißt es: "Das Ziel ist, dass sich das Volk selbst verwalten soll; dies ist das neuzeitliche Prinzip das nicht nur durch die soziologische Theorie, sondern auch durch die Praxis auf der ganzen zivilisierten Welt sich bewährt hat. Ein Volk ist desto glücklicher, je zufriedener, je mehr nationale und soziale Freiheiten es genießt. Es hängt desto mehr an seinem Lande, je mehr es sich selbst an den öffentlichen Einrichtungen betätigen kann, d.h. wenn es nicht passiv verwaltet wird, sondern aktiv sich selbst verwaltet! Da kommen wir aber eben zur Autonomie, zu deutsch: Selbstverwaltung oder - was eigentlich das gleiche bedeutet - Selbstbestimmung. ...Das Dogma von einer herrschenden Sprache, einer Staatssprache, von Hegemmonie und Suprematie ist nur durch Machtmittel länger aufrecht zu erhalten und das dürften auch wohl schon unsere magyarischen Chauvinisten einsehen, dass im Zeitalter der europäischen Revolution ein Wiedererwecken des - Panmagyarismus ausgeschlossen ist. ...Nur die möglichst volle Autonomie ist die einzige Möglichkeit, dass politisch sich betätigende Völker dauern mit möglichster bVerringerung der Reibungsflächen in Frieden miteinander leben können. Dieses Beispiel zeigt Belgien und besonders die Schweiz, wo es eben darum, infolge der Autonomie, kaum nationale Differenzen gibt" (zitiert nach Sepp Gmasz,Der Traum von einem großdeutschen Vierburgenland. 2021)

In einem Punkt trafen sich Autonomiebefürworter und Anschlussfreunde: Sie verlangten das Selbstbestimmungsrecht für Deutschwestungarn. Die Deutschen Westungarns nahmen keineswegs alles kommentarlos hin, was in Budapest, in Wien oder in Paris über sie beschlossen wurde. Die von Karl Wollinger gegründete "Deutsche Freiheit", die Zeitung der Deutschen Freiheitspartei, verlangte - obwohl Wollinger damals bereits für den Anschluss an Österreich eintrat - das freie Selbstbestimmungsrecht der westungarischen Bevölkerung. Westungarn solle auf der Friedenskonferenz durch eine eigene, von einem freien Landtag gewählte Vertretung sein Selbstbestimmungsrecht zur Geltung bringen.  Wollinger stellte fest: "Niemand hat das Recht, auf der Friedenskonferenz im Namen Deutsch-Westungarns zu sprechen, ohne hiezu vom Volke beziehungsweise vom freien Landtag ein rechtlich unanfechtbares Mandat zu haben."

Die Druckschrift Amons fand rasche Verbreitung und musste mehrmals nachgedruckt werden. Adalbert Wolf dürfte zu diesem Zeitpunkt aber schon zum Anschluss an Österreich geschwenkt haben. 

"Es gibt keinen österreichischen Kaiser und ungarischen König mehr. Geblieben ist das Volk. Soll es von fremden Völkern, von fremden Beamten, die mit und nicht fühlen und denken, weiter beherrscht werden? Wir Deutsche sind kein Sklavenvolk, sondern ebenso frei wie die anderen Völker..." So schrieb die Zeitung Wollingers. Und sie war ferner der Meinung, jenes Land, aus dem später das Burgenland wurde, könne eine Brücke sein zwischen den Völkern, sofern diese bereit seien, in Frieden zu leben und die Freiheit des anderen zu achten. Ende 1918 trat Wollinger bereits unmissverständlich für den Anschluss an Österreich (die Steiermark) ein, Geza Zsombor war für Autonomie bei Wahrung der territorialen Integrität Ungarn und Wolf für weitestgehende Autonomie mit föderalistischen Ansprüchen. Bei Ablehnung sollte der Anschluss an Österreich erfolgen.

Es gab Versuche, Westungarn für Ungarn zu retten. Am 11. Dezember 1918 berief der Regierungskommissär Dr. Ernst Mesterhazy zu einer Versammlung auf, an der 120 meist bäuerliche Vertreter aus dem Komitat Ödenburg teilnahmen. Sie wiesen die Versprechungen zurück und erklärten, die Verwaltung selbst in die Hand nehmen zu wollen, Sie riefen einen unabhängigen Deutschen Volksrat aus. Einer der Wortführer war der Kaufmann Michael Unger aus St. Margarethen.

Die Autonomiebewegung blieb aber nicht beim Diskutieren. Es wurde gehandelt. Besonders ungerechte und unbeliebte Beamte wie etwa der Mattersburger Oberstuhlrichter wurden vertrieben, Nationalgarden aufgestellt, die die Dörfer schützen sollten. Dies, obwohl die Behörden zögerten, Waffen auch an die deutschen Gemeinden auszugeben. Das Misstrauen von Seiten der Magyaren war bereits groß. In Neusiedl a.S. mussten der Obernotär Toth, der Pfarrer und auch zwei Lehrerinnen aus der Klosterschule weichen.

Die Autonomiebewegung fand zunächst in ganz Deutschwestungarn begeisterte Zustimmung. Am 10. November 1918 wurde unter Teilnahme sämtlicher deutscher Vereinigungen der Deutsche Volksrat für Ungarn gegründet. Am selben Tag fand auch in Mattersburg eine große Volksversammlung statt, die den Deutschen Volksrat für Westungarn ins Leben rief. Es war dies ein für die burgenländische Geschichte und das burgenländische Selbstverständnis überaus wichtiges Ereignis. Man könnte es ohne zu zögern als Geburtstag des Landes bezeichnen.

Dem Volksrat Westungarns schlossen sich in wenigen Tagen weit über hundert Gemeinden an, von Tyrnau und Pressburg im Norden bis Neuhaus im Süden, darunter auch kroatische Gemeinden.

Am 15.Dezember fand eine große Volksversammlung im Komitatshaus von Preßburg statt. Sie forderte volle Autonomie für Deutschwestungarn, mit einem deutschen Landeshauptmann an der Spitze. Redner war u.a. Karl Amon, der auf die sofortige Einführung der deutschen Schule drängte.

Die Schwäche der Autonomiebewegung bestand darin, daß man in Budapest größtenteils nur zu Scheinzugeständnissen bereit war. Erst als die westungarischen Deutschen der Regierung ein Ultimatum stellten und die Ausrufung einer unabhängigen Republik androhten verabschiedete der Ministerrat das Autonomiegesetz, das eine eigene deutsche Nationalversammlung, Verwaltungs- und Kulturautonomie vorsah. Am 28. Dezember wurde eine Abordnung an Nationalitätenminister Oskar Jaszi gesandt, die die Autonomiewünsche vorbrachte. Der Ministerrat beschloss am 30. Dezember einstimmig die Autonomie für Deutschwestungarn und erklärte sich bereit, sie unverzüglich zu verwirklichen.

Am 12. Jänner fand eine große Versammlung des Deutschen Volksrates in Halbturn statt, am 20. Jänner 1919 der große "Deutsche Volkstag" in Ödenburg, an dem 250 Vertreter aus 37 Gemeinden teilnahmen.Aus den Vertrauensmännern der vier Komitate wurde ein "zwanziger-Ausschuss" gebildet. Die Delegierten beschlossen die ultimative Forderung eines Autonomiegesetzes, Sollte dieses bis 29. Jänner nicht erlassen werden drohte man mit der Ausrufung einer eigenen Republik und dem Anschluss an Österreich.

Am 27. Jänner 1919 verabschiedete die Regierung das VI. Volksgesetz von 1919. In ihm heißt es: §1 Die in Ungarn wohnenden ungarischen Staatsbürger deutscher Zunge bilden eine einheitliche Nation, die ihr Selbstbestimmungsrecht durch die in diesem Gesetz umschriebene Selbstverwaltung ausübt. §3 Dem deutschen Volk gebührt im Nahmen (!) dieses Gesetzes in der inneren Verwaltung, der Rechtspflege, im Unterrichtswesen, in den Kultur- und Kirchenangelegenheiten dieser autonomen Rechtsgebiete hinsichtlich der Gesetzgebung und Verwaltung volle Autonomie. § 4 ... in den autonomen Rechtsgebieten wird den ungarischen Staatsbürgern deutscher Zunge gewährleistet, daß die Verkehrssprache mit ihnen auch in den gemeinsamen Angelegenheiten deutsch sein wird... Die einzelnen Gaue sollten unter Verwaltung des Gaurates unter Führung des Gaupräsidenten stehen. In den aus 20 Personen bestehenden provisorischen Regierungsausschuss wurden wurden Vertreter der Gaue berufen. Aus Westungarn gehörten ihm als Delegierte der Regierungskommissar Geza Szombor, Adalbert Wolf, Mathes Nitsch und der Ödenburger Stadtpfarrer Dr. Otto Zehetbauer an. Deutscher Minister wurde der Donauschwabe Johann Junker. Geza Zsombor wurde Gouverneur für Westungarn. Der 9, Feber 1919 wurde zum "Tag der deutschen Selbstverwaltung" ausgerufen.

Das Autonomiegesetz stieß aber auch in Kreisen der Ungarndeutschen auf Kritik oder Ablehnung, Amon etwa heg5te Zweifel an der Umsetzungsbereitschaft , Im Deutschen Bauernblatt vom 1. März 1919 erstellte er einen neuen Forderungskatalog, der zum Parteiprogramm der nunmehr "Vierburgenländischen Deutschen Autonomen Volkspartei" erhoben wurde. Dieser Entwurf Amjons ging weit über die Forderung nach einer kulturellen Autonomie hinaus. Er verlangte etwa eine eigene Volksmiliz unter deutschem Kommando und Dienstsprache, Enteignung des Großgrundbesitzes, volle Presse-,Versammlungs-,Vereins- und Religionsfreiheit  und Aufbau eines modernen Finanz- und Genossenschaftswesens.

Nur wenig wirde nach dem Autonomiegesetz tatsächlich umgesetzt. Die Forderung nach der Absetzung der Kommissare in den Komitaten Wieselburg, Ödenburg und Eisenburg und die Wahl eines gemeinsamen Landeshauptmannes, die in der Hauptausschusssitzung des Deutschen Volksrates am 1. März 1919 in Ödenburg erhoben wurde, ignorierte man in Budapest.

Am 7.März 1919 konstituierte sich in Budapest der neu zusammengesetzte Landesregierungsausschuss, der die Wahl zur Deutschen Nationalversmmlung vorbereiten sollte.Geza Szombor wurde zum Gau-Präsidenten für Deutschwestungarn ernannt. Er residierte im Palais Szechenyi, das man nun das "Deutsche Haus" nannte. Minister Junker besuchte Westungarn. Am 15. März 1919 war er in Eisenstadt, wo er mit Vertretern von 28 Gemeinden zusammentraf, anschließend Neusiedl, Engerau und UNgarisch Altenburg.Auf der Neusiedler Versammlung schlug ihm Kritik und der Zweifel an den Absichten der Regierung entgegen. Am 30. März sollte die erste Landtagswahl abgehgalten werden. Sie wurde verschoben und dann wegen des politischen Umsturzes obsolet.

Die Autonomiebewegung selbst hatte recht unterschiedliche Ziele: die einen sahen in der Autonomie eine Vorstufe für den Anschluss an Österreich, die anderen ein Mittel, um das Burgenland bei Ungarn zu halten. Aufschlussreich ist dazu ein ein "Tatsachenbericht", den Brandsch am 12. Juni 1919 an das Deutsche Auswärtige Amt übermittelte, Er erwähnt ein konspiratives Treffen mit der österreichischen Bundesregierung, bei dem es bereits um einen Anschluss Deutschwestungarns an die Deutsche Republik ging. Der Plan war, eine weitestgehende Autonomie zu verlangen. Falls diese nicht gtewährt wurde sollte eine Nationalversammlung gewählt werden.Sollte die Atonomie gewährt werden wolte man diese als unzureichend zurückweisen. In "kritischen Augenblicken" sollte Österreich militärisch intervenieren. Adalbert Wolf unterhielt Kontakte zu Staatskanzler Renner und führte eine Delegation an Renner an. Wolf wurde von Österreich unterstützt, er bekam ein Auto zur Verfügung gestellt und wahrscheinlich auch finanzielle Unterstützung.

Diejenigen, die die Autonomie ernst nahmen, konnten sich nicht durch setzen. Im Autonomiegesetz wurden wesentliche Forderungen nicht erfüllt. Es wurde daher in Westungarn von der Mehrheit unter Führung Wollingers abgelehnt. Es setzte sich hier immer mehr die Meinung durch, daß die Autonomie für Budapest nur ein Mittel war, um die Anschlußbewegung einzudämmen. Nur wenige Tage nach dem Gesetzesbeschluss legten 40 St. Gottharder (also südburgenländische) Gemeinden Protest ein und verlangten die Wiedereinführung der alten deutschen Ortsnamen, deutsche Regimenter, vollkommene Selbstverwaltung und Beibehaltung des Selbstbestimmungsrechtes, also die Möglichkeit, sich in Zukunft für eine Lösung von Ungarn zu entscheiden. Auch in Neusiedl war man enttäuscht. Der Rechtsanwalt Karl Amon gründete die "Vierburgenländische deutsche autonome Volkspartei" und versuchte, in ihrem Programm die Inhalte einer echten Autonomie zu definieren. Im Parteinamen wurde erstmals die Bezeichnung "Vierburgenland" offiziell genannt.

In Mattersburg schritt man zur Tat: dort wurde die "Republik Heinzenland" ausgerufen.

Schließlich wurde die gesamte Autonomiebewegung nach der Ausrufung der Räterepublik hinfällig. Die vorgesehenen Wahlen fanden nicht mehr statt. In Budapest übernahm die Räteregierung die Macht.

In der Rätezeit trat die Regierung Karolyi zurück. In der neuen Regierung wurde Heinrich Kalmár als Volkskommissar mit den Nationalitätenangelegenheiten betraut. In Ödenburg übernahm ein fünfköpfiges Direktorium die Macht. Der Volksrat wurde in den "Deutschen Kulturbund für Ungarn" umgewandelt.

 

 

 

 

 
 
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